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Mein erstes Mal Trampen – Per Anhalter durch Thailand

Ich stehe am Straßenrand. Eine Hand winkt den Autofahrern zu, die andere hält ein Schild mit der Aufschrift Uthai Thani. Es ist noch Vormittag, aber der Schweiß tropft mir schon jetzt von der Stirn.

Mein erstes Mal Trampen ist ziemlich aufregend. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt und doch winke ich gerade 5 Autofahrern gleichzeitig zu. Mir ist das alles noch ziemlich unangenehm, aber diese Erfahrung möchte ich machen. Das Reisen ist für mich eben auch eine Herausforderung und kein Erholungsurlaub. Ich möchte mich weiterentwickeln und offener werden. Ich denke, dass das Trampen in Thailand wird mir dabei helfen wird, einfacher auf Menschen zuzugehen. Raphael ist bei diesem Abenteuer mein Rettungsanker und eine treibende Kraft. Er ist schon in Deutschland und Spanien per Anhalter gefahren und hält den Smalltalk am Laufen, wenn mir die Worte ausgehen.

Straßenrand2

Raphael´s Tramping-Tip für Thailand: nicht den Daumen raushalten, sondern die Hand hoch und runter bewegen

Für mich ist das Hitchhiken absolut neu. In Deutschland habe ich nie verstanden, warum Menschen am Straßenrand den Daumen raushalten, wenn es doch Plattformen wie Blablacar gibt. Dort kann man sich gratis anmelden, sich mit einem Fahrer zu einem festen Termin verabreden und zahlt dann für eine Mitfahrgelegenheit den Bruchteil eines herkömmlichen Bus- oder Zugtickets. Ich bin damals ständig bei anderen mitgefahren. Aber hier in Thailand ist nichts abgemacht, niemand muss mich im Auto mitnehmen. Wie lange werde ich hier stehen, bis jemand anhält? Nimmt uns, 2 Ausländer, die kein Wort thai sprechen und riesige Rucksäcke tragen, überhaupt jemand mit?

Der Weg ist das Ziel

Schildbeschriftung

Eine Mitfahrgelegenheit schreibt uns den nächsten Zielort auf thai aufs Schild

Die Sonne und die Abgase machen mir zu schaffen. Raphael und ich wechseln uns beim Winkespiel ab und hoffen, dass sich bald ein Autofahrer unserer erbarmt. Glücklicherweise hält schon nach 15 Minuten ein junges Pärchen an. Sie wollen uns den Weg zum Busbahnhof zeigen. Trampen scheint in Thailand nicht verbreitet zu sein, denn sie verstehen nicht, dass wir bei Ihnen mitfahren wollen. Wir sprechen kein thai und sie verstehen kein englisch. Schon nach kurzer Zeit weiß ich nicht mehr wie ich mich verständigen soll. Mit Händen uns Füßen klappt es irgendwie nicht. Auf einmal zückt die Frau auf dem Beifahrersitz ihr Handy und hält es mir ins Gesicht. „Hallo? Sprechen Sie englisch? Jaja, wir stehen hier grad an der Autobahn und wollen mit ihren Freunden nach Uthai Thani. Können die uns mitnehmen?“ Wir erfahren, dass das Pärchen nicht in die passende Richtung fährt, uns aber trotzdem helfen möchte. Mit einem Stift bewaffnet, schreibt die Frau unseren Zielort auf das Pappschild. In Thai. Das erhöht unsere Chancen, bald mitgenommen zu werden, enorm.

Ich bin aufgeregt und überwältigt von der Freundlichkeit der Beiden. Sie haben alles versucht, um uns zu helfen, dabei hätten sie nicht mal anhalten müssen. Ob ich das in Deutschland auch getan hätte? Zwei Fremden, die an der Autobahn stehen, beim Weiterkommen helfen?

Ab auf die Ladefläche

Pai

Noch stehen wir am Straßenrand

Sobald ein Auto steht, halten auch andere neugierige Autofahrer an und einer von Ihnen fährt in unsere Richtung. Wir steigen ein. Wobei eigentlich steigen wir auf. Auf die Ladefläche des Pickup. Das Abenteuer beginnt. Ein junger Mann bringt uns über den Highway nach Uthai Thani. Dort trennen sich unsere Wege, denn wir wollen weiter nach Kamphaeng Phet. Beim Aussteigen fragen wir ihn, ob er unseren nächsten Zielort in thai auf das Pappschild schreiben kann. Diese Methode wird sich als sehr hilfreich erweisen, weil wir so auch von Fahrern mitgenommen werden, die kein englisch sprechen.

Der Trillerpfeifenmann

Pfeifenmann

Er zückte die Pfeife und zwang die Autofahrer zum Anhalten. Unser verrückter Trillerpfeifenmann

Wir stehen erst einige Minuten am Straßenrand als ein Mann auf seinem Scooter neben uns anhält. Was will der Mann von uns? Will er uns auf seinem Motorrad mitnehmen. Der Mann winkt den vorbeifahrenden Autos energisch zu. Die Fahrer sollen doch anhalten und die 2 Ausländer mitnehmen. Doch niemand stoppt für uns. Bis… ja, bis er einen Trick aus seinem Ärmel zieht. Eine superlaute Trillerpfeife. Wer ist das? Ein Schiedsrichter oder Polizist? Darf er mit der Pfeife die Autos anhalten? Ist das legal? Der Mann verschafft uns mit seiner Pfeife nicht nur Aufmerksamkeit, wie sind die Attraktion der ganzen Straße. Das ist effektiv und bringt einige Autofahrer zum Anhalten. Wir sind dem verrückten Mann sehr dankbar und diskutieren, ob wir uns auch so eine Pfeife zulegen sollten.

Viele Stunden später treffen wir in Kamphaeng Phet, unserer letzten Zwischenstation vor Sukhothai, ein. Irgendwie schaffen wir es nicht mehr hier wegzukommen. Nach 30 Minuten an der Autobahn entschließen wir uns, zum Busbahnhof zu gehen, weil es langsam dunkel wird und wir uns nach einer baldigen Dusche sehnen. Das Pappschild mit dem Zielort Sukhothai halten wir den vorbeifahrenden Autos während des Laufens trotzdem entgegen. Vielleicht überzeugt unser halbherziger Versuch, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, doch den Einen oder Anderen. Schon nach zehn Metern hält ein Rettungswagen neben uns. Dann noch einer. Plötzlich scharen sich 10 Rettungshelfer um uns, die es als ihre ehrwürdige Pflicht ansehen, zwei Tramper heil ans Ziel zu bringen. Sie schnappen sich unsere Rucksäcke, verfrachten uns in den Wagen und fahren uns … zum Busbahnhof. Hm, schade. Ich dachte, sie bringen uns nach Sukhothai. Das war wohl ein Misverständnis. Alle 10 bringen uns nun zum Fahrkartenschalter. In nur 40 Minuten fährt unser Bus.

Am Busbahnhof gestrandet

Rettungshelfer2

Die Rettungshelfer inkl. Nachwuchs

Sollen wir jetzt wirklich mit dem Bus fahren, wo wir es schon so weit per Anhalter geschafft haben? Es gibt solche Tage, an denen spielt einem das Schicksal besser mit, als man es je für möglich gehalten hätte. Dies war so ein Tag.

Sie hat uns sogar bis zum Guesthouse gefahren

Wir warten also auf den Bus, der in einigen Minuten eintreffen soll. Ich gehe noch schnell zum ATM, damit ich gleich die Tickets kaufen kann, als mich eine junge Thailänderin anspricht. Ob wir nicht nach Sukhothai wollen? Eine Freundin vom Rettungsdienst hat ihr das erzählt. Und ob wir nicht bei ihr mitfahren wollen? Ihr Freund kommt gleich mit dem Auto vorbei und sammelt sie ein. Natürlich steigen wir ein. Das ist mehr als perfekt. Das ist Wahnsinn. Bei meinem ersten Mal Trampen schaffen wir die gesamte Strecke, die wir uns vorgenommen haben, und treffen so viele hilfsbereite Menschen auf dem Weg. Das hätte ich nie für möglich gehalten.

Als wir in Sukkhothai ankommen ist es dunkel, daher fährt uns das Pärchen bis vor die Tür, des von uns gewählten Guesthouse. Das war definitiv ein Umweg für sie. Ich biete ihnen ein wenig Spritgeld als Entschädigung an, aber das wollen sie nicht. Lieber machen sie noch ein Selfie mit uns.

Diese Erfahrung hat mich emotional überwältigt

Mae Sot

Diese Gruppe ist mit 2 Autos gefahren. Unser Gepäck war in einem Wagen, wir in dem Anderen.

Wir haben 9 Stunden gebraucht, um 350km von Ayutthaya nach Sukkhothai zu trampen. Das ist gar nicht schlecht, weil wir ungefähr 4 Mal umsteigen mussten. Ich war selten so aufgedreht und gleichzeitig so erschöpft wie am Ende dieses Tages. Diese Erfahrung hat mich emotional überwältigt. Meine ursprüngliche Angst, von der Autofahrern abgelehnt und buchstäblich am Straßenrand ignoriert zu werden, ist komplett verschwunden. Das Pappschild hochzuhalten war jedes Mal aufregend, weil ich gespannt darauf war, wer wann anhält, was er zu erzählen hat und wie weit er uns mitnehmen kann.

Mein Fazit

  • Es hat irgendwann immer ein Auto angehalten, meistens sind wir bei Pärchen oder Berufspendlern eingestiegen. Manchmal konnten wir uns unterhalten, manchmal haben die Fahrer ihre Freunde angerufen, die besser englisch sprachen, damit wir uns über die Mitfahrgelegenheit verständigen konnten.
  • Per Anhalter zu fahren ist in Nordthailand nicht verbreitet, deswegen wollten uns viele Fahrer zum Busbahnhof bringen. Hatten wir unser Tramping-Konzept aber einmal verständlich gemacht, wurden wir meist auch bis zum Zielort mitgenommen.
  • Wir mussten nie länger als 30 min warten auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten.

Danke an alle, die wir ein Stück auf ihrem Weg begleiten durften. Danke für eure Gastfreundlichkeit, die Süßigkeiten, die tollen Geschichten und Einsichten.

Fahrer

Einer der Fahrer, die uns mitgenommen haben

Raphael-gitarre

Raphael spielt auf dem Weg zum Highway auf der Reisegitarre

Fahrerständchen

Hier gibts ein Ständchen für den Fahrer, der vom Trillerpfeifenmann zum Anhalten gezwungen wurde

Süßigkeiten

Crepe mit Zuckerwatte. Geschenk eines Fahrerpärchens

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Franziska

Franziska

Hallo, ich bin leidenschaftliche Autorin, Fotografin und Reisende. Was ich erlebe und wie ich darüber denke, kannst du hier auf dem Blog verfolgen.

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