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Bis ich es nicht mehr ertragen kann – Das Kriegsrestemuseum in HCMC

Kind

Dioxin verändert nicht nur die DNA der Betroffenen, sondern auch die ihrer Kinder. Für viele Generationen.

Ich hatte mir vorgenommen, stark zu bleiben, aber das funktionierte nicht. Die Bilder waren zu krass. Der Tod, die Leichen, die Kinder, die Torturen. Mein Magen drehte sich um und ich brauchte eine Pause. Immer wieder und immer öfter musste ich den Raum verlassen, um auf andere Gedanken zu kommen. Das Kriegsrestemuseum in Hoch-Chi-Minh-Stadt hat mit alles abverlangt, besonders emotional. Auf anderen Reiseblogs habe ich schon gelesen, dass dieses Museum ziemlich krass ist und ich habe erwartet, dass es mir nahe gehen würde, aber nicht so nah. Es zeigt Darstellungen, die an anderen Orten kaum ausgestellt werden. Solche expliziten Kriegsbilder nehmen keine Rücksicht auf die Empfindlichkeiten eines von der Realität des Krieges verschonten Besuchers. (Das im Vergleich dazu harmlose Beitragsbild aus dem Jahr 1965 stammt übrigens von Kyoichi Sawada, einem Japaner, der für dieses Foto den Pulitzerpreis bekam.)

Ich weiß nicht, wie es ist von Gewalt, Terror und Tod umgeben zu sein. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, flüchten zu müssen oder Angehörige zu verlieren. Aber ich habe in diesem Museum eine Ahnung davon bekommen. Wie echter Krieg aussieht, kann ich mir kaum vorstellen, aber die ausgestellten Fotos sprechen Bände. Wenn ich durch die Bilder hindurch in die Augen einer Mutter blicke, deren Kinder zusammengekauert und weinend unter einem Baum sitzen, während sie von einem Soldaten mit der Waffe bedroht wird, dann kann ich die Angst und Verzweiflung spüren.

Horst Faas

Eine Mutter und ihr Kind. Bild: Horst Faas

Das Museum setzt auf den, durch die heftigen Fotos erzeugten, Schockeffekt. Dies ist ein passender Ansatz, um etwas so schockierendes wie die Grausamkeit des Krieges für einen Besucher zu visualisieren, der es gewohnt ist, hauptsächlich optisch stimuliert zu werden. Kriegsfilme oder Bilder von ermordeten Menschen in den Nachrichten schocken doch niemanden mehr. Das ist inzwischen Alltag. Um Aufmerksamkeit zu erregen, müssen wir immer heftigere Bilder sehen. Diese krassen Fotos existieren. Jeder Krieg liefert solche Bilder. Zeigt sie uns, bis wir es nicht mehr ertragen. Bis wir uns fragen, wie so viel Hass entstehen kann, wie Menschen zu solchen Dingen fähig sein können. Bis wir verstehen, dass das abstoßend ist und wir das nicht mehr ignorieren wollen.

Dioxin

Etwa 4,8 Millionen Vietnamesen sind während des Vietnamkrieges mit Dioxin in Verbindung gekommen. Aber auch amerikanische und andere Soldaten leiden noch heute unter den Folgen des Gifts.

Ich werde mich nicht über die Sinnhaftigkeit des amerikanischen Krieges (wie er in Vietnam genannt wird) oder über die offensichtliche anti-amerikanische, pro-sozialistische Propaganda dieses Museums auslassen. Ich könnte mich zutiefst über den Einsatz von Dioxin empören, aber was würde es ändern? Es geht mir nicht um eine politische Dikussion, sondern um eine Horizonterweiterung. Darum geht es doch beim Reisen, dass wir auf Dinge stoßen, die uns stocken lassen. Auf einmal müssen wir nachdenken über die Dinge, die uns in der Schule beigebracht wurden oder Worte, die wir in den Medien hören und manchmal stellen wir fest, dass das nur ein kleiner Ausschnitt der Realität ist. Auf Reisen sehen und erleben wir Dinge, die unser Weltbild verändern, wenn wir das zulassen. Neue Sichtweisen entwickeln sich und komplettieren oder zerstören alte Ansichten über unsere Leben. Das ist ein radikaler Prozess, der nie einfach zu verkraften ist, weil er eine kritische Beschäftigung mit sich selbst und seiner Umwelt voraussetzt. Wir fragen uns, wo wir in der Welt stehen und welche Rolle wir spielen wollen, z.B. bei den Themen Krieg, Gewalt und Flüchtlinge.

Was bedeutet Reisen für dich? Was kannst du nicht mehr ignorieren?

Solidarität

Welche Rolle spielte die DDR für Vietnam und umgekehrt?

Solidarität2

Weitere Propagandaplakate der DDR, die im Kriegsrestemuseum in Ho Chi Minh City ausgestellt sind

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Franziska

Franziska

Hallo, ich bin leidenschaftliche Autorin, Fotografin und Reisende. Was ich erlebe und wie ich darüber denke, kannst du hier auf dem Blog verfolgen.

5 Comments

  1. Hallo Franzi,

    danke für den guten Bericht.

    Das Museum braucht auch keine Rücksicht zu nehmen auf wir, die wohlbehütet Leben. Es soll aufrütteln und zeigen, was auf der Welt passiert. Und es ist grausam. Und zeigt jedem, dass bitte kein Leid auf der Welt sein soll!
    Je mehr solcher Aktionen es auf der Welt gibt, um so besser.

    Liebe Grüße an euch
    Conny

    • Danke für dein Feedback, Conny.
      Ich glaube jeder Mensch sollte versuchen das Leid seiner Mitmenschen, das er sehen, hören oder anfassen kann zu mindern. Manchmal kann man vielleicht nicht direkt helfen, aber sich des Leidens bewusst zu werden und darüber zu sprechen ist der erste Schritt.
      Viele Grüße, Franzi

  2. Hey Ihr Zwei,

    ich finde es gut und wichtig, dass Ihr Euch mit diesem Thema befaßt habt und uns teilhaben laßt. Es war ein so sinnloser Krieg. Leider war die Lehre daraus nicht, keinen Krieg mehr zu führen, sondern die Berichterstattung darüber zu verändern. Die Grausamkeiten haben sich nicht geändert, auch nicht das Leid – nur die Bilder die uns heute erreichen. Die Konsequenz war einzig und allein, solche Bilder nicht mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen, weil der mediale Aufschrei dagegen zu groß war. Deshalb sind Kriege heutzutage nicht humaner. Ich finde das es gezeigt werden muß, damit die Menschen sich damit auseinandersetzen und eine breite Front gegen das sinnlose Morden entsteht. Wo keine Debatte, da keine Auseinandersetzung mit dem Thema, ergo geht es weiter wie gehabt. Deshalb finde ich es auch sehr bemerkenswert, dass Ihr darüber schreibt. Ich mag Blogger, die sich wirklich mit dem Land, den Menschen und ihren Geschichten auseinandersetzen. Und das seit Ihr für mich. Danke & weiter so!

    Lieben Gruß Marlene

    • Liebe Marlene,
      danke für deinen tollen Kommentar.
      Das Kriegsrestemuseum in HCMC hat mich die europäische Museumspädagogik stark hinterfragen lassen. Warum musste ich solche krassen Bilder wie in HCMC niemals in Deutschland sehen? In keinem Museum und in keiner Gedenkstätte.
      Wir versuchen uns mit unserem Reiseland auseinander zu setzen, aber diese Reflektion funktioniert auch immer anders herum. Was ist in Deutschland anders und wieso? Was finde ich besser? Die Heimat zu verlassen heißt auch immer sie und sich selbst in Frage zu stellen. Das ist hart, aber es lohnt sich.
      Viele Grüße, Franzi

      • Hallo Franzi,

        für Dinge einen anderen Blickwinkel zu bekommen, dafür schätze ich das Reisen und Leben im Ausland. Ich bin auch dankbar für die Möglickeit sich im Internet informieren zu können, denn es sind nicht nur die Museen. Viel schlimmer ist die mediale Verblödung der Menschen. Ich bin mehr sicher, dass die Welt eine Andere wäre, wenn es mehr Reisende gäbe, die Kulturen, Religionen und Menschen erfahren könnten. Es erweitert den Horizont, macht Tollerant und Verständnisvoll. Dinge die in unserer Gesellschaft gerade durch Egoismus, Dummheit und Nazismus ersetzt werden. So traurig es ist. Deshalb bin ich dankbar für Menschen wie Dich, die Ihre Erfahrungen teilen, auch wenn sie Gefahr laufen, dafür kritisiert zu werden oder Unverständnis zu ernten. Wegschauen hilft der Welt nicht, über ihre Probleme hinweg.
        Mach weiter so!

        Lieben Gruß Marlene

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