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Bitte einmal tief einatmen

Ich sitze auf dem Roller und warte darauf, dass die Ampel grün wird. Die Frauen auf den Scootern rechts und links neben mir tragen Chirurgenmasken. Viele haben einen Helm auf, der das ganze Gesicht bedeckt, aber die mintfarbenen Masken darunter kann ich dennoch sehen. Ich öffne das Visier meines Helms, um besser atmen zu können, weil es auch morgens schon so heiß ist. Nach einigen Atemzügen schließe ich das Visier wieder. Die Luft hier in der Warteschlange ist stickiger als jene bei mir im Helm. Wir werden von Abgasen eingenebelt. Ein Auspuff reiht sich dicht an den nächsten Auspuff. Das ist meine deutlichste Erinnerung aus Jogjakarta.

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Scooterfahrer

Nach einem Jahr Asien fühlten sich unsere Lungen an als hätten wir eine Zigarette nach der anderen geraucht. So ähnlich stelle ich mir die Leiden eines Asthmatikers vor: Die Lunge schmerzt, das Atmen fällt schwer. Ich kann sie innerlich vor mit sehen, meine Lunge, wie sie schwarz und mickrig versucht, den Sauerstoff aus der verpesteten Luft zu ziehen. Hoffentlich ist sie noch nicht so verkohlt wie jene Artgenossen auf den Zigarettenpackungsbildern.

Smog

Müllverbrennungen auf Lombok

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Brandrodung von Palmölplantagen; Quelle: Nasa

Wir waren in Jogja angekommen und wollten eigentlich gleich wieder weg. Und das, obwohl wir eine über 20-stündige Busfahrt in Kauf genommen hatten, um überhaupt erst hierhier zu kommen. Die illegale Brandrodung riesiger Palmölplantagen auf Sumatra und Borneo führt dazu, dass riesige Teile Indonesiens verraucht werden. Zeitweise ist auch Singapur von einer so dicken Smog-Wolke eingehüllt, dass man mitten am Tag die Sonne nicht mehr sehen kann und die Sichtweite auf unter 200 Meter sinkt. Sowas kannte ich aus Deutschland nicht (es sei denn, man lässt die Erzählungen meines Großvater über den Smog der DDR-Zeit zählen).

Ich muss hier nicht leben

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Auch wir haben uns oft einen Scooter ausgeliehen, um mobil zu sein.

Aber was beschwere ich mich hier über Smog und Hitze. Ich bin nur Gast in Asien und kann gehen wann ich will. Innerhalb von einigen Stunden kann ich in Deutschland oder einem anderen Ort sein und tonnenweise frische Luft in mich aufsaugen. Aber ihr, Thailänder, Vietnamesen, Indonesen lebt hier. Die Atemmaske, die ich zu Beginn der Reise bei euch belächelt habe, erscheint mir nun lebensnotwendig. Sie ist notwendig, um nicht krank zu werden. Notwendig, um halb verpestet weiteratmen zu können, denn die Maske löst ja keine Probleme. Sie schützt nur vor den gröbsten Partikeln, weil sie keine Filter (wie eine professionelle Atemmaske) hat. Auf dem Moped sitzen, die Luft verschmutzen und dabei Atemmaske tragen… Das ist doch schizophren, oder? In etwa genauso absurd ist es als deutsche Frischluftfanatikerin mit dem Flugzeug nach Asien zu fliegen und sich dann hier über die Luftverschmutzung auszulassen. Oder über die virenschleudernden Klimaanlagen, die meine Schleimhäute verdunsten lassen, wenn ich im Bus unterwegs bin.

Die westliche Welt ist ein großer Teil des Problems.

dreck

Franzi & Raphael nach einem Ausflug. Erkennt ihr den Straßendreck in unseren Gesichtern?

Die westliche Welt ist ein riesiger Abnehmer billiger asiatischer Produkte. Wir, als Deutsche, tragen Kleidung aus Indien oder China. Palmöl ist in einem Drittel aller im Handel erhältlichen Lebensmittel und. (Wir fliegen eine Woche nach Thailand, um Urlaub zu machen.)

Viele Produkte, die wir in Deutschland kaufen, werden nicht mehr im eigenen Land hergestellt, weil Löhne und Ressourcen im Ausland weniger kosten und Umweltauflagen nicht existieren. Vor einigen Jahrzehnten war das, zumindest in Ostdeutschland noch ein wenig anders. Es gab Fabriken, in denen Kleidung (z.B. Handschuhfabrik in Leipzig) für den Ostblock hergestellt wurde. Aus diesem Produktionszweig und der standardmäßigen Kohleverbrennung entstand der Smog über ostdeutschen Städten. Nur hieß der Smog früher noch Ruß und meine ganze Familie kann darüber vieeel erzählen. Nur konnte ich nie mitreden. Bis jetzt.

Das Reisen lässt dich die Welt spüren anstatt sie nur zu sehen

Es macht einen Unterschied, ob man in den Medien über verrauchte Länder und Städte liest oder ob man direkt vor Ort ist. Wenn man dieses Rauch- Sauerstoffgemisch in Indonesien atmet, dann hört dieses Egal-Gefühl auf. Es ist mir nicht mehr egal, was auf der anderen Seite der Erde passiert, weil ich dort war. Ich habe geatmet, was ihr atmen müsst und ich finde es unerträglich. Macht es euch nicht auch krank?

Wir sehen uns in der Rolle des ohnmächtigen Konsumenten, des kleinen Arbeiters und lassen unser Allgemeingut Luft verschmutzen. Was soll man denn auch machen? Indonesien zwingen sich um Umweltanliegen zu kümmern, wo hier noch viel wichtigere Probleme drängen? Dass die westliche Welt kein großes Interesse daran hat, Indonesien dabei zu unterstützen, kann man an den reihenweise gescheiterten Umweltverhandlungen und am Verhalten der westlichen Konsumenten sehen.  Wo fängt nun meine Verantwortung an und wo hört sie auf? Darf ich in Asien noch mit dem Scooter fahren und Flugzeuge nutzen?

Leider gibt es keine allgemeingültige Lösung für die zahlreichen Umweltfragen, aber anstatt darauf zu warten, dass die Welt sich ändert, kann man selber Maßnahmen ergreifen. Zu überlegen und nicht aufhören nachzufragen, anstatt einfach nur passiv zu konsumieren, wäre doch schon ein toller Anfang.

verbrannt

Brandgerodeter Wald

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Franziska

Franziska

Hallo, ich bin leidenschaftliche Autorin, Fotografin und Reisende. Was ich erlebe und wie ich darüber denke, kannst du hier auf dem Blog verfolgen.

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