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Die Angst vor der Heimreise und wie ich sie vertreibe

Ich kann nicht mehr schlafen. Nachts wache ich auf und wühle mich im Bett herum. Ich höre die Gedanken lauter werden. Es geht um Arbeitslosengeld, eine Krankenversicherung, eine neue Wohnung, die GEZ, meine Katze… So viele Optionen habe ich bei der Abreise offen gehalten und so viele Fragen unbeantwortet zurück gelassen. Nun, da ein Ende der monatelangen Reise absehbar ist, kehren sie zurück, diese Fragen. Mit voller Wucht.

Old, wooden, boat tip on calm water

Die Reise, der Weg. Das Einzige, was zählt.

Ich möchte das Gedankenkarussel entschleunigen und ordnen. Also schreibe ich alles erst einmal auf, das hilft mir immer.

Als ich die Leinen in der Heimat kappte, den Anker hisste und die Segel setzte, fühlte ich mich frei. Das unbekannte Land lag noch vor mir. Ich blickte euphorisch und zufrieden in die Zukunft, denn ich wusste, den schwierigsten Schritt hatte ich bereits getan. Ich war los gezogen.

Berge

Soll ich diese Landschaften wirklich hinter mir lassen?

Doch nun erscheinen die Kündigung des Jobs, der Wohnung und der Versicherungen nicht mehr als jene großen Herausforderungen, die sie waren. Ich bin gewachsen, habe Erfahrungen gemacht. Auf der Reise habe ich die absurdesten Schwierigkeiten gemeistert. Ich habe gelernt, wie man labbrige Hühnerfüße in einer Suppe ist, wie man auf einem fahrenden Motorrad balanciert, dessen Reifen mit einem Ölfilm überzogen sind oder wie ich dem Angriff eines Rochen standhalte (ok, der Rochen hat etwas Abstand gehalten, aber er ist eindeutig auf mich zu geschwommen und er hatte einen ganz fiesen Blick in den Augen).

Nach einer langen, von Alltagssorgen befreiten Zeit stehe ich nun vor neuen Problemen: der mentalen und physischen Wiedereingliederung.

Die Angst vor der Heimreise

Ja, das klingt nach Entfremdung und emotionaler Distanz. Und so fühlt es sich für mich auch an.

Heimreise3

Die Heimreise rückt jeden Tag näher.

Ich bin noch unterwegs und habe schon jetzt Angst, wieder sesshaft zu werden. Denn die Fesseln der vermeintlichen Sicherheit, die ich mir in mühsamer Arbeit entfernt habe, winken nun wieder aus der Ferne und wollen mich zurück. Es ist ein Standardleben mit geringen Ansprüchen und wenig Entscheidungsfreiheit, das mir Angst einflößt. Ich lebe in der Gefahr, wieder einer der Menschen zu werden, die den Moment nicht leben können, weil das Einzige was zählt ist, die Zeit bis zum Monatsende möglichst schnell herum zu kriegen. Ich habe dieses Leben gelebt, ich weiß wie es sich anfühlt und ich möchte nicht mehr dahin zurück.

Aber ich war lange Zeit nicht mehr in Deutschland. Vielleicht liege ich ja falsch mit meinen Annahmen. Dinge und Menschen haben sich dort sicherlich verändert, genauso wie ich mich verändert habe. Und ich bin neugierig was aus dir geworden ist, Deutschland. Ob wir noch zusammen passen?

Frau am Strand

Zu dem, wie es war, möchte ich nicht mehr zurück.

Wie kann ich meine gewonnene Freiheit behalten?

Ich werde auf jeden Fall zurückkommen, denn weiterreisen geht nicht. Irgendwann ist auch mal Schluss, sonst wird selbst das Reisen langweilig.

Landschaft und Frau

Neue Pläne schmieden, den Alltag ändern, das hilft.

Wenn ich wieder zurück kommen, wie kann ich meine gewonnene Freiheit ausleben? Ich werde Veränderungen leben, indem ich Wege einschlage, die ich noch nicht kennen gelernt habe.

Ich bringe die Welt zu mir nach Hause. Über Couchsurfing kann ich Menschen zu mir einladen, die aus Gegenden stammen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Sie werden mir von ihren Reisen erzählen und ich darf zuhören und genießen.

Ich ziehe wieder los, aber nicht so lang und nicht so weit weg. Workaway, Woofing und HelpX sind tolle Plattformen, um ausgedehnte Auslandsaufenthalte zu organisieren. Ich habe in Thailand eine Amerikanerin getroffen, die von Host zu Host durch Südostasien gereist ist. Sie hat immer ein spannendes Projekt unterstützt und konnte gleichzeitig mit den Locals leben. Das fand ich beeindruckend. Was für eine fantastische Art die Welt kennen zu lernen!

Und das ist erst der Anfang

In diesem Sinne ist der nächste Flug keine Rückkehr in ein altes Leben, sondern ein Teil meines neuen Lebens. Deutschland wird zur Reisedestination und mein längerer Aufenthalt hier wird zum Projekt „Betrachte Deutschland wie eine Reisende“. Es ist ein Besuch in einem Land, zu dem es mich zurückzieht. Mit großen Augen werde ich darüber staunen was sich dort alles verändert hat. Klar werde ich mich schnell wieder zurück wünschen. Nach Neuseeland oder Vietnam. Aber Sehnsucht ist genau das was mich voran treibt. Die Reise geht weiter, nur eben in Deutschland.

Heimreise

Die Reise geht weiter. Nächster Halt: Deutschland

Seid ihr auch von einer langen Reise zurück gekehrt oder habt Angst vor dem Heimflug? Wie geht ihr mit eurem emotionalen Chaos um? Teilt eure Erfahrungen hier in den Kommentaren.

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Franziska

Franziska

Hallo, ich bin leidenschaftliche Autorin, Fotografin und Reisende. Was ich erlebe und wie ich darüber denke, kannst du hier auf dem Blog verfolgen.

9 Comments

  1. Wir sind seit über sechs Monaten zurück von einem Jahr Weltreise. Wir hatten ebenfalls viele Bedenken bevor wir zurück gekommen sind, bewiesen haben sie sich allerdings nicht. Das Leben „danach“ war nicht mehr so wie vorher, auch wenn sich manche Dinge nicht geändert haben, so haben WIR uns verändert. Also keine Angst, immer nur weiterreisen ist auch nicht wirklich eine Lösung. Wir müssen uns alle weiterentwickeln und da gehören solche Änderungen dazu.

  2. Hi Stefan,
    Ich empfinde die Veränderungen durch so eine große Reise auf jeden Fall als positiv. Die Angst vor der Heimreise ist wohl eher die Frage, ob man Zuhause noch reinpasst und die alten Freunde einen verstehen, denn die haben sich meistens nicht so stark verändert wie man selbst.

    Übrigens hast du einen schönen Blog mit tollen Fotos! Geht es denn bald wieder auf Reisen bei euch?

    Viele Grüße, Franzi

    • Danke dir! Bei uns ist erst einmal eine Reisepause angesagt. Im Sommer und im kommenden Winter wollen wir wieder auf Reisen gehen. Dann allerdings zu dritt 🙂

  3. WOW!! Ich liebe es einfach, mir die Gedanken und Erfahrungen von Menschen durchzulesen, die viel gereist sind. Ich bin 24 Jahre alt und möchte unbedingt mal raus aus Deutschland. Ich bin noch nie im Ausland gewesen und das eintönige Leben hier fühlt sich an wie eine Gefangenschaft. Auch wenn ich unbedingt ausbrechen möchte aus dieser Gefangenschaft, habe ich immer noch eine riesengroße Angst davor. Ich habe es mir fest vorgenommen und viele Leute sagen mir, dass ich auf die Schnauze fallen werde usw. Ich kann nachvollziehen, wieso sie so denken. Mein Plan ist es, einfach einen Rucksack mit den wichtigsten und nötigsten Sachen einzupacken und einfach durch die Welt zu reisen. Wohin es gehen soll und wie lange diese Reise dauern soll, das weiß ich noch nicht. Ich habe sehr wenig Geld zur Verfügung aber ich stelle mir schon seit langem die Frage, seit wann der Mensch angefangen hat, sich von der Natur abzukapseln und sich selbst von materiellem Wert abhängig zu machen. Das wird schon irgendwie klappen… oder?

    • Hi Emrah,
      das Fernweh scheint ja in dir zu brennen. Los, befriedige deinen Durst auf die Welt. Reisen ist gar nicht so teuer, wie du vielleicht denkst. Es kommt natürlich darauf an, welche Länder du bereisen willst und wie. Schau dir doch mal unsere Reisekosten unter: http://unddasisterstderanfang.de/reisekosten/ an, damit bekommst du schon einen guten Überblick.
      Mach dir einen groben Plan und dann starte einfach deine Reise.
      Viele Grüße und ganz viel Spaß und viele neue Erfahrungen wünsche ich dir,
      Franzi

    • Danke, Jürgen! Ich freue mich immer, wenn wir andere inspirieren können!
      Viele Grüße, Franzi

  4. Auch ich bin nach einer 5-monatigen Reise wieder zurück nach Deutschland gekommen und auch ich habe mich verändert. Manchmal fühlt es sich so an als wäre ich irgendwie lost in Hamburg. Meine Umgebung macht es mir wahnsinnig einfach mich wieder wohl zu fühlen, aber in mir drin hat sich etwas verändert. Auch ich muss mir einen neuen Job suchen, zurück in den Alltag finden, aber viel schlimmer ist die Frage für mich, will ich das überhaupt schon? Also kann ich mir nur Zeit geben. Deine Idee Deutschland als Reisedestination zu sehen, habe ich mir auch überlegt. Es ist einfach wieder eine Etappe und dann schaut man mal was da noch so kommt 🙂

  5. Hallo Franzi,

    seit einem Monat bin ich wieder zurück von einer neunmonatigen Reise. Ich kann die Gedanken so gut nachvollziehen. Für mich war die Entscheidung einen Heimflug zu buchen eine riesige Überwindung und in den Wochen vor dem Flug habe ich auch eher unruhug geschlafen. Zurückzukommen ist genauso schwierig wie seine Koffer zu packen. Zumindest für mich.

    Andererseits freue ich mich natürlich auch wieder zurück zu sein, alle wieder zu treffen und Deutschland besser kennenzulernen.

    Konntest du denn deine Vorsätze umsetzen?

    Liebe Grüße
    Marie

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