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Der Digital Native ist offline – Bin ich schon abhängig?

Gestern habe ich eine SMS bekommen: „Alles ok“ stand darin. Die Nachricht stammt von Raphael. Er informiert mich einmal pro Woche, dass er noch im Himalaya und am Leben ist. Aus Sicherheitsgründen tragen Jost und Raphael ein Satellitentelefon bei sich, das überall auf der Welt funktionieren soll. Leider ist das nicht immer der Fall. Wir haben recht schnell heraus gefunden, dass auch ein Satellitentelefon nicht überall Netz hat und dann auch keine Nachrichten versenden kann. Es gibt also, trotz aller technischen Möglichkeiten, auch heute noch Regionen auf der Welt, in denen man absolut offline sein kann. Seit einem Monaten habe ich nicht mehr mit Raphael kommunizieren können, denn er kann mir zwar eine kurze Nachricht schicken, aber antworten kann ich darauf leider nicht.

Einmal in der Woche eine SMS mit „Alles ok“ – reicht das? Ich vergleiche mich manchmal mit den Seefahrer-Frauen, die in einer Zeit, in der es noch keine digitale Kommunikation gab, wochenlang auf ihre Männer gewartet haben, ohne dass sie wussten, ob „alles ok“ ist. Wie haben die Menschen das ausgehalten?

Wie sich meine digitale Abhängigkeit bemerkbar macht

Als Digital Native bin ich es gewohnt, zu jeder Zeit an fast jedem Ort mit jedem beliebigen Menschen kommunizieren zu können. Über unseren WhatsApp-Familien-Chat weiß ich fast jeden Tag, was bei meinem Neffen los ist und was er erlebt. Das war selbst in Indien und Myanmar kein Problem. Ich war überaus beeindruckt, als ich in Myanmar, das erst 7 Jahre vorher seine Grenzen für Touristen und damit noch stärker der Globalisierung geöffnet hatte, überall Handy-Läden entdeckte. Die Burmesen holten innerhalb von wenigen Jahren eine wirtschaftliche Entwicklung auf, die bei uns mindestens 2 bis 3 mal so lang gedauert hat. Kann man damit zurecht kommen? Kann sich eine Gesellschaft so schnell an diesen Kommunikationswandel gewöhnen und gleichzeitig reflektiert damit umgehen?

Wlan gibts auch in abgeschiedenen laotischen Dörfern

Versteht mich nicht falsch. Ich stehe hinter der Digitalisierung, schließlich vereinfacht sie mein Leben und außerdem verdiene ich mein Geld damit. Digitale Kommunikation bringt mich einfacher als früher mit Menschen zusammen, aber sie macht mich auch abhängig. So schnell ich mich an diese Art der Kommunikation gewöhnt habe; sie macht es mir inzwischen schwer, ohne sie zu leben. Und sie führt mir ein paar Dinge deutlich vor Augen: Ich habe eine Gier nach Neuigkeiten, ich verlange die unverzügliche Stillung meiner Sehnsucht und ich bin kaum fähig, Unwissenheit zu ertragen.

Die Freiheit, offline zu sein

In Momenten wie jetzt, wo ich die wahre Bedeutung des Wortes “Trennung” verstehe, weil es keine Option mehr gibt, mit Raphael Kontakt aufzunehmen, dann kommt die Einsamkeit von ganz allein. Sie schreit: “Schau hin, er ist nicht da, spürst du es?” und ich fühle es deutlich, aber ich kann es nicht ändern.

Raphael beim Klettersteigtraining

Raphael hat sich etwas zurück erobert, dass für viele Digital Natives undenkbar wäre: die Freiheit des Offline-Seins. Die Möglichkeit, selber zu entscheiden wann er seine Emails, WhatsApp Nachrichten und Facebook-Benachrichtigung abruft. Ok, es ist eher den Umständen geschuldet, dass es im Himalaya kein Wlan gibt, aber dennoch war ihm das vorher klar und er nimmt diesen Nachteil bewusst in Kauf. Dass er mir, seiner Familie und seinen Freunden damit auf die Füße tritt, weiß er natürlich, aber seine Gründe für diesen radikalen Schritt sind für uns einleuchtend.

Und mir wird inzwischen klar, dass dieser Raum zwischen Raphael und mir, den ich nun nicht mehr überbrücken kann, dass der Verlust dieser Kommunikationsfähigkeit auch gute Seiten hat, weil sie mir begreifbar macht wie stark ich mein Leben mit und im Internet aufgebaut habe. Die ständige Penetration mit Informationen und Unterhaltung, das Wissen um die dauerhafte Verfügbarkeit meiner Kommunikationsmittel und die Möglichkeit mit jedem sofort interagieren zu können, hat mich ganz schön verwöhnt.

 

Warst du schon mal längere Zeit offline oder jemand, der dir nahe steht? War das ein Verlust oder eine Bereicherung für dich? Schreib deine Antwort in die Kommentare.

Franziska

Franziska

Hallo, ich bin leidenschaftliche Autorin, Fotografin und Reisende. Was ich erlebe und wie ich darüber denke, kannst du hier auf dem Blog verfolgen.

One Comment

  1. Hallo Franzi, ein sehr interessanter Beitrag. Vor etwa einem Monat ist mein Handy von einem Tag auf den anderen einfach ausgegangen und seitdem ausgeblieben. Ich habe mich zuerst natürlich sehr geärgert und versucht so schnell wie möglich ein Ersatz zu finden, aber alle Tech-Kumpels hatten gerade kein Smartphone, nicht einmal ein Handy herumliegen. Tja- aus Frust über die Smartphone-Lobby und dass meine teuren Handys meist nach einem Jahr den Geist aufgeben, habe ich einfach gar nichts gemacht und bin Mobile-Offline gewesen. Was dann passiert ist hat mich sehr überrascht und auch an mir zweifeln lassen. Ich, der Digital Native- angestellt um die Digitalisierung in Unternehmen voranzutreiben, finde das Leben ohne Smartphone total entspannend? Ich habe in den letzten Wochen und Monaten sehr viel darüber nachgedacht was mit mir passiert war: Ich habe jede freie Minute mit einer Interaktion ausgefüllt (mich verabredet, spontan umentschieden, den Treffunkt verschoben, nach der nächsten Bahn geschaut-hingerannt-doch verpasst, etc.). Jetzt weiß ich, dass es mir gut tut, mir weniger vorzunehmen und diese Dinge bewusst zu tun, einfach mal auf die nächste Bahn zu warten und wenn dann doch spontan etwas ausfällt einfach plötzlich Zeit und Leerlauf zu haben. Vielleicht kaufe ich mir irgendwann mal wieder ein Smartphone- jetzt reicht mir ein Nokia-Handy. Probiert es selbst- ein sehr spannendes Experiment.

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